|
|
| |
DEFREGGERSTRASSE - Stadtteil
Pradl |
|
|
|
|
In der Defreggerstrasse
12 lebten Wolf Meier Turteltaub und seine Frau Amalie, geb. Wolfart zusammen mit ihren Kindern Fritz und Eva (Alloggi) sowie 4 Enkelkindern.
Weiters wohnten dort Amalie´s
Bruder Julius Schrager mit seiner Frau Sali, geb. Schneider und deren Söhne David und Paul.
Wolf Meier Turteltaub wurde in jener Nacht in der Wohnung brutal niedergeschlagen und an den Füßen
über die Treppe gezerrt. Er wurde zusammen mit seinem Sohn Fritz,
seinem Enkel Aldo Alloggi sowie seinem Schwager Julius Schrager ins Hauptquartier der Gestapo in die Bienerstrasse
8 gebracht.
|

November 2008
© Thomas Kleissl
|
|
Im Dezember 1938 musste
die Großfamilie nach Wien übersiedeln und versuchte von dort
aus die Flucht zu organisieren. Fritz Turteltaub und Eva Alloggi konnten nach England bzw. Palästina
auswandern. Aldo Alloggi gelang die Flucht nach Israel. Durch die
Hilfe ihrer Großeltern gelang dem 10-jährigen Erich Weinreb und dem 8-jährigen Poldi Scharf im Mai 1939 die Flucht nach
Palästina. Ihre Mutter Anna starb bereits 1934 an Tuberkulose. Wolf Meier und
seine Frau Amalie wurden zusammen mit ihrer 10jährigen Enkelin Gitta Scharf 1942 in den Osten deportiert und im Vernichtungslager Riga
ermordet. Der Vater von Gitta und Poldi, Salo Scharf zählte zu den Opfern in Auschwitz.
Der in Dornbin lebende Sohn Edmund Turteltaub und seine Frau Gertrud, geb. Popper wollten mit ihren
Kindern nach Bolivien auswandern, wurden jedoch in Italien verhaftet. Ihre
Söhne Hans und Walter wurden 1944 in Auschwitz vergast,
während Edmund und Gertrud Zwangsarbeit leisten mussten
und als Arbeitssklaven im Lager verstarben. Ella, eine Schwester von Edmund und deren Ehemann Ernst wurden im plnischen Lublin getötet..
Julius Schrager wurde 1942 mit seiner Frau Sali und Sohn David nach Polen
deportiert und in Maly Trostinec bei Minks ermordet. Dem anderen Sohn Paul gelang im März 1939 mit einer Jugendgruppe die Flucht nach Palästina.
Anlässlich der 60 Jahre Feier der Israelitischen Kultusgemeinde von Tirol im September 2005 schrieb Abraham Gafni (Erich Weinreb) den nachfolgenden Brief.
"Shalom!
Ich bin Abraham Gafni aus Israel. Ich werde versuchen euch kurz von meinem Leben als jüdisches Kind in Innsbruck vor und nach dem Anschluss zu erzählen.
Ich bin in Innsbruck geboren, in der Defregger Strasse 12. Das war das Haus meiner Großeltern. Meine Mutter starb als ich 5 1/2 Jahre alt war. So lebte ich bei den Großeltern mit meinem 4jährigen Bruder und einer 2jährigen Schwester. Im Kindergarten war ich das einzige jüdische Kind. Meine Kindergärtnerin war die Schwester Martha - eine Nonne. Ich erinnere mich sehr gut an sie, sie sagte zu mir: Mein liebes Kind du musst mit uns nicht mitbeten, aber wenn du willst darfst du. In der Schule war ich wieder der einzige jüdische Schüler. Alle meine Freunde waren Christen. Es war kein Unterschied zwischen uns, wir machten alles zusammen: Ausflüge, Fussball, im Winter Rodeln. Ich war vom Religionsunterricht befreit, musste aber zum Religionsunterricht zu unserem Rabbiner. Die Note die ich von ihm bekam stand im Zeugnis unter Religion. Genau so wie bei allen Freunden. Freitag Abend ging ich mit Großpapa in den Tempel (wir sagten nie Synagoge) - Sonntag früh traf ich mich mit meinen Freunden in der Kirche. Es war alles ganz normal. Feiertage hatte ich doppelt: Pessach - zu Hause zweimal den Sederabend und dann die Osterhasen und Ostereier bemalen, Chanuka - zu Hause den Leuchter und die Lieder und bei meinen Freunden der Weihnachtsbaum, da war immer ein Geschenk für mich. Es war eine schöne Zeit.
Dann kam der Anschluss, über Nacht änderte sich mein Leben. Man warf uns eine Bombe ins Haus, die Schaufenster vom Geschäft meines Großvaters, das im selben Haus war, wurden mit weisser Farbe bestrichen, ein grosses J und ein Davidstern. Dann kam die S.A. anmarschiert, blieben vor dem Haus stehen und dann im Chor: Wer bei Juden kauft ist ein Volksverräter und noch so ähnliches. Aber für mich war das Ärgste die Schule und die Freunde. Meine 2 besten Freunde die mit mir im Haus wohnten waren die einzigen die mit mir sprachen, aber nur wenn wir alleine im Haus waren. Alle stolzierten jetzt mit der HJ-Uniform und spielten mit dem Dolch. Ich war jetzt gerade in der 4. Klasse. Unser Lehrer war verschwunden. Am ersten Tag kam ein neuer Lehrer, er las die Namen der Schüler, jeder stand auf. Als er zu meinem Namen kam, stand ich auf und er sagte: Komm her du Sau Jud und begann mich zu schlagen. Das ging so einige Tage, aber zu meinem Glück liess man uns nicht mehr zur Schule. Das waren schwere Tage. Wir gingen fast nicht ausser Haus. Und dann kam der 9. November 38, die Kristallnacht. Die ersten Juden in Innsbruck wurden ermordet und unser Tempel zerstört. Ich erinnere mich gut, ich erwachte durch einen Lärm in der Wohnung. Ich sah wie fremde Männer meinen Großvater schlugen, die ganze Wohnung zerstöberten und den Großvater und einen Onkel mitnahmen. Man nannte das !Schutzhaft! Das waren Tage, die ich nie vergesse. Wir waren drei kleine Kinder allein mit der Großmutter. Nach einiger Zeit kamen alle nach Hause und man begann zu packen. Wir müssen aus Innsbruck fort sagte man mir, wir fahren nach Wien. Eines Nachts gegen Ende November 1938 sassen wir im Zug nach Wien. Als der Zug aus dem Bahnhof ausfuhr sagte die Großmutter: Kinder schaut auf Innsbruck, ich glaub das sehn wir nimmer. Sie hatte Recht, nur mein Bruder und ich konnten überleben, seit Juni 39 lebe ich in Israel. Ich kam nach Palästina, so wie Nazis es uns wünschten mit ihrem Fluch: Jud nach Palästina. Ich sage es heute so ähnlich, aber als Segen: Jud nach Israel." (1)
Für die Verwendung des Briefes möchte ich Abraham Gafni herzlich danken. Hanne Mitterstieler danke ich für den Hinweis und die Kontaktaufnahme zu Abraham Gafni.
|
|
|
|
|
|
|
|
| Literatur: |
Martin Achrainer / Niko Hofinger
- Die Turteltaubs:
Eine Großfamilie zwischen jüdischer Tradition und österreichischem
Alltag, in: Thomas
Albrich (Hg.), „Wir lebten wie sie...“. Jüdische Lebensgeschichten
aus Tirol und Vorarlberg,
Haymon-Verlag Innsbruck 1999, S 147-164
Horst Schreiber
- Die Turteltaubs: Das Schicksal einer jüdischen Großfamilie, in: Nationalsozialismus und Faschismus in Tirol und Südtirol - Opfer . Täter . Gegner, Tiroler Studien zu Geschichte und Politik, Michael-Gaismair-Gesellschaft, StudienVerlag 2008, S 286-288
Gad Hugo Sella
- Die Juden Tirols
- Ihr Leben und Schicksal, Israel 1979
Maria Luise Stainer
- "Ich hab´mich
gefühlt wie bei der Vertreibung aus dem Paradies" - Berichte
Vertriebener aus Tirol, in: Thomas
Albrich (Hg.), „Wir lebten wie sie...“. Jüdische Lebensgeschichten
aus Tirol und Vorarlberg, Haymon-Verlag Innsbruck 1999, S 355-372
|
| Quellen: |
(1) Israelitische Kultusgemeinde Innsbruck - Brief Abraham Gafni (Erich Weinreb)
Familie Turteltaub - http://www.tibs.at/projekte/turteltaub/
Familie Turteltaub - Eine Virtuelle Ausstellung - http://zis.uibk.ac.at/quellen/turteltaub/welcome.html
|
|
|
© 2000 - 2010 Manfred Mühlmann
|